Gewaltprävention in Zeiten von Super-Nanny und böse Mädchen-Camps
Mehr als einmal bekam ich als Trainer die Offerte von RTL2 oder Pro7 an einer Filmproduktion mitzuarbeiten. Anfänglich fühlte ich mich auch noch geschmeichelt, weil die Produktionsassistenten gut in der Lage waren mir zu erklären, wie einzigartig und gut meine Arbeit doch sei, und dass ich genau der Coach bin, den sie lange gesucht haben. Nach Rücksprache mit anderen Trainer stellte sich schnell heraus, dass dieser Standarttext flächendeckend genutzt wird. Auf die Frage, welches Konzept verfolgt wird, wird schnell klar, dass es immer um das gleiche Konzept geht:
Böses Mädchen oder böser Junge, mit naiven oder selbst aggressiven Eltern trifft auf Coach,(gerne schön groß und schön streng) der den lieben Kleinen Benehmen beibringt. Das Prinzip lautet: ” Große Wirkung nach kurzer Kraftanstrengung.” Hierzu wird dann gerne eine Psychologin mitgebucht, die dem Ganzen einen seriösen Anstrich vermitteln soll. Gerne werden dann auch bekannte Größen(Türsteher, Exkampfsportler) angeheuert, die dann im Stile amerikanischer Bootcamps den Auftrag haben, den”Früchtchen” wieder Benehmen beizubringen. Die angefragten Trainer haben keinerlei Einfluß auf das Geschehen und unterschreiben, dass sie ihre Persönlichkeitsrechte innerhalb dieser Produktion abtreten. Es darf also wild drauflos gedreht werden , ohne dass du dich gegen eine spätere Ausstrahlung wehren kannst. Ein mir namentlich bekannter Trainer wollte damals schnell berühmt werden und hat selbst bei zahlreichen Castings vorgesprochen und ist dann beim “Camp der bösen Mädchen gelandet”. Dass die Mädchen aber bereits einen Trainer vor laufender Kamera verschlissen hatten, war ihm nicht bekannt und wurde erst klar, als ihm das Gleiche passierte. Diesen Filmbeitrag gibt es heute noch bei Youtube. Das Trainergehalt ist minimal. Die Protagonisten erhalten ebenfalls ein Gehalt und freie Kost und Logis. Viele Mädchen hoffen darauf berühmt zu werden. Leider ist dieser Wunsch nie in Erfüllung gegangen. Ganz im Gegenteil, denn viele Mädchen werden noch heute über unterschiedliche Foren im Internet verhöhnt.
Für mich gehört pädagogische Arbeit nicht ins Fernsehen. Der Schaden, der in diesen zweifelhaften Sendungen angerichtet wird ist hoch. Zusätzlich wird der Bedarf Rechtskonservativer bedient, die sich immer schon mehr Strenge und gerne auch die Prügelstrafe gewünscht haben. Viel schlimmer ist aber der Schaden, den die beteiligten Mädchen nehmen. Sie überschauen noch nicht, dass Sie sich dem Gespött eines Millionenpublikums aussetzen. Und das für eine lange Zeit…….
22.02.11 Andreas Sandvoß
Ethische Richtlinien meiner Arbeit
Seit einigen Jahren gibt es eine intensive Auseinandersetzung um die richtigen , individuell passenden Konzepte und Maßnahmen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in besonderen Lebenslagen, die Probleme haben und diese mit Gewalttätigkeit kompensieren.
Die Aufmerksamkeit gilt nicht nur den Ursachen und Auswirkungen von körperlicher, sondern auch psychischen Gewaltformen, wie z.B. Mobbing etc. .
Die Gewaltdebatte hat aber auch zu einer großen Flut an Trainerinnen und Trainern geführt. Es ist immer schwerer zu entscheiden, welche Projekte und Maßnahmen wirken und welche nur das Portemonnaie des Trainers füllen.
Das Wichtigste vorweg: Jeder Mensch ist einzigartig und hat das Recht in jeder Lebenslage, unabhängig von Religion, Staatsangehörigkeit, Geschlecht oder Neigung, mit Respekt behandelt zu werden. Hierbei spielt es kleine Rolle, welche Geschichte oder Biografie ein Mensch mitbringt. Jeder Mensch wird in seiner unverwechselbaren Persönlichkeit und soziobiographischen Einmaligkeit anerkannt und ernstgenommen. Das beinhaltet das Recht auf mündige Selbstbestimmung.
Jeder Mensch ist es wert, in der Entwicklung seiner Potentiale gefördert zu werden.
Als Anbieter und Ausbilder von Anti-Gewalt und Deeskalations-Trainings ist mir bewusst, dass ich auf das Meinungsbild und die Persönlichkeitsentwicklung der Trainingsteilnehmerinnen Einfluss nehme.
Deshalb möchte ich nicht nur die zugewiesenen Jugendlichen von Bewährungshilfen oder JVA`s , sondern auch die zukünftigen TrainerInnen einladen, zu lebenslangem Lernen und bewusster Lebensführung, um die persönliche und gesellschaftliche Werteorientierung zu unterstützen.
Neue Härte in der pädagogischen Arbeit?
Die Diskussion rund um die Konfrontative Pädagogik beobachte ich schon seit geraumer Zeit kritisch. Ich selbst bin praktizierender Trainer und Ausbilder und qualifiziere seit vielen Jahren Pädagogen/innen, Therapeuten/innen, Lehrer/innen, Heilpädagogen/innen und ähnliche Berufsgruppen zum Umgang mit verhaltensoriginellen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Auf zahlreichen Fachtagungen und Gremien berichte ich über die Inhalte, die ich als Anti-Aggressivitäts-Trainer(C) , Coolness(C) und Deeskalations-Trainer erlernt habe und seit langen Jahren auch unterrichte.
Durch meine Tätigkeit als Lehrbeauftragter an unterschiedlichen Hochschulen habe ich die Chance genutzt, die Wirksamkeit, besonders des Coolness-Trainings(C), mit meinen Studenten/innen zu prüfen.
Es wirkt!!!! Laut FEPAA-Test (Testverfahren zur Messung von Empathie, Prosozialität, Aggressionsbereitschaft und aggressivem Verhalten) ist z.B das Coolness-Training(C) in der Lage, Verhalten bei 12-16 jährigen Schülerinnen und Schülern positiv zu verändern.
Nicht besser oder schlechter als bei anderen Trainingsformen, wie z.b. dem sozialen Trainingskurs oder ähnlichen Formen, aber mit einem hohen Aufforderungscharacter, weil die Trainingsmethoden sich an den Lebenswelten der Teilnehmer/innen orientieren und so realitätsnah wie möglich in diese eingreifen, um ein sozial angemessenes Verhalten zu erlernen.
Ein solches Training wird bei uns, im Gegensatz zur Lehre, ohne sogenannten “Heißen Stuhl” umgesetzt, weil ich der Überzeugung bin, dass diese Methode in der Schule nichts zu suchen hat.
Meine Trainer/innen und ich entsprechen nicht der “Neuen Härte in der pädagogischen Arbeit”. Was wir dennoch beharrlich vertreten, ist der ausgeprägte Wille zum Wachstum und nicht zur Demontage von Kindern und Jugendlichen. Hierzu benötigen wir Beziehungsfähigkeit, Motivation und eine sichere Einschätzung, dass wir Grenzen abfragen, aber nie zum Nachteil des Trainingsteilnehmers/der Trainingsteilnehmerin überschreiten.
Andreas Sandvoß 06.02.2011

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